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Wer nicht lesen will kann hören
23 February 2007
Author: Boris Michael Gruhl
Source: www.klassik.com
 
Hörbuch stimmt nicht ganz. Es sind Hörbilder, die Kevin Clarke in Form knapper hörspielartiger Wortszenen zusammengestellt hat. Und das, so möchte ich hinzufügen, ist auch gut so. Der Reihe nach.

Im Jahre 2002 erschien im Berliner Parthas Verlag, von Inge Jens und Christiane Niklew herausgegeben, ein attraktiver Band von über 400 Seiten mit einer Auswahl von Tagebucheintragungen Ralph Benatzkys. Dem einleitenden Text zur Edition von Inge Jens ist zu entnehmen, dass Benatzkys Journale aus den Jahren 1919 bis 1957 gut 2000 Seiten umfassen und zusammen mit den persönlichen Niederschriften von Ereignissen, Eindrücken und Zeitreflexionen eigentlich so etwas wie Arbeitsjournale, in die freilich sehr persönliche bisweilen intime Details des hochsensiblen Menschen eingeflossen sind, darstellen. Dabei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass dem Autor für die unterschiedlichsten persönlichen Eindrücke aus Kunst, Gesellschaft, Politik jeweils angemessene Stilmittel zur Verfügung stehen. So können neben sehr ausführlichen Betrachtungen, mal sachlich oder auch ironisch, ganz knappe fetzenartige Notizen stehen, die augenblicklicher Stimmung entsprechen mögen. Benatzky hat das Zeug zum Reporter, er hat aber auch die Melancholie des Zeitbetrachters und er hat vor allem immer wachen Sinn und scharf gespitzte Ohren, die Töne der Zeit zu vernehmen, dazu kommen immer wieder die des eigenen Herzens. Selbstmitleid kennt der Autor nicht, wiewohl er sich als Menschen mitunter sehr klein schildert. Da gibt es eine Beschreibung vom Blick auf das eigene Bild des alten Mannes im Spiegel, mit dem das Weiterleben eben nur möglich ist, wenn an anderen Stellen das Vertrauen in die eigene künstlerische Potenz und Urteilskraft kräftigere Konturen erhält. Der große Meister kleiner Formen war promovierter Germanist und wurde durch ein Werk weltberühmt, zu dem er eine eher distanzierte Haltung hatte. Ralph Benatzkys Name steht fast immer im Zusammenhang mit einem bis heute so berühmten wie missverstandenen Stück des Musiktheaters. Wer Benatzky sagt, sagt zumeist auch 'Das weiße Rössl'.

Hörbuch und Ausgabe der Tagebücher entfalten je auf ihre spezifische Art ein wesentlich facettenreicheres Bild des bedeutenden Mannes, der 1884 in Mährisch-Budweis geboren wurde und 1957 in der Schweiz starb. Hörbuch und Tagebuchausgabe enden mit der Ankunft nach dem amerikanischen Exil. Sowohl das Booklet zum Hörbuch, als auch der knappe biografische Abriss in der Buchausgabe weisen darauf hin, dass ein gebrochener Mensch zurück kam. 'Ralph Benatzky, vertrieben aus einem Land, das nicht reif für ein gesittetes Miteinander war, fand, als Heimkehr wieder möglich war, nicht mehr zurück.' (Inge Jens) Die Texte des Exils nehmen im Hörbuch den größten Raum ein. Als nahliegendes Wortspiel bezeichnet Benatzyky sein Tagebuch auch als 'Klagebuch'. Zuerst bleibt dem überwältigten, geretteten Ankömmling 'die Spucke' weg, aber nicht lange, dann ist die Kehle trocken, die Seele ausgedörrt, das Herz eingeschnürt.

'Ist, so müssen wir bei der Lektüre von Benatzkys Tagebüchern fragen, die Einsamkeit in der Emigration, Verlorenheit und herzzerreißende Wehmut je so inständig, poetisch und präzise zugleich beschrieben worden wie in diesen Diarien, in denen die Tristesse der Gegenwart durch die visionäre Beschwörung einer Friedenswelt, den Traum vom verloren geglaubten, aber unverlierbaren Paradies konterkariert wird.' (Inge Jens) 

Kevin Clarkes Dramaturgie des Hörbuches hält sich nicht an die Chronologie. Dem abschließenden Exilkapitel sind die Klang- und Sprachbilder über 'Das Berlin der Wilden 1920ger Jahre', 'Politik und der deutsche Nationalcharakter' sowie 'Musik und Kunst' vorangestellt. So entfaltet sich der denkende, fühlende, aber auch sich ängstigende und in scheinbaren Hochmut flüchtende Geisteskosmos eines so ironischen, wie genauen und dabei immer wieder melancholischen, Zeitzeugen.

Ob bei der mitreißenden Schilderung des Berliner Sechs-Tage-Rennens, schwuler Subkultur um 1924 oder Pleiten in Deutschland, wirtschaftlich und moralisch, hellsichtiger Einschätzung dessen, was eine Hitler-Rede 1933 wissen lassen kann, den spitzen und intelligenten Einschätzungen der Kunst aus eigener Feder und vor allem aus fremder, man kann sich der Authentizität der Texte nicht entziehen. Der mitunter stark einfühlende, interpretierende, auch leicht aufgeschäumte Vortrag durch den Schauspieler Günter Barton, wird etlichen Hörenden willkommen sein, andere sehnen sich – ich gehöre dazu – angesichts der sprachlichen Prägnanz der Vorlage nach mehr Sachlichkeit des Lesenden um den eigenen Bildern, dem Hörtheater im Kopf, größeren Raum zu lassen. Die musikalischen Beigaben sind sparsam, nicht vornehmlich der 'Klang zum Wort'.

Das Hörbuch und die Ausgabe der Tagebücher existieren unabhängig voneinander. Ich denke aber es wird mehreren Hörenden wie mir gehen, das Hörbuch regt an, das Buch zu lesen, der Gesamteindruck ist erst der ganze Gewinn. Zudem werden Blick und Hören kritischer sein, wenn das nächste weiße Rössl über eine Bühne galoppiert. Wer in dieser Hinsicht die Kriterien der Rezeption erweitern möchte, dem sei der Band 133/134 der Reihe Musik-Konzepte empfohlen. (edition text + kritik, München VIII/2006) Unter dem Titel 'Im weißen Rössl – zwischen Kunst und Kommerz' finden sich lesenswerte – für Theatermacher und Kritiker beherzigenswerte – Aufsätze von so renommierten Fachleuten wie Norbert Abels, Ralf Waldschmidt, Marita Berg, Eugen Semrau, Jens-Uwe Völmecke, Richard Norton und Manuel Brug. Kevin Clarke betrachtet Aspekte der Aufführungspraxis des Stückes und er führt mit Inge Jens ein Gespräch über ihre Ausgabe der Tagebücher unter dem Titel 'Triumph und Tristesse'.

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