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Rössl in Berlin 2010: Sebastian Baumgartens "Rößl" brachte nix für´s Gemüt, aber viel Gewieher
30 November 2010
Author: Rosemarie Frühauf
Source: Epoch Times Deutschland (Online)
 

In der Epoch Times Deutschland schreibt "Rosemarie Frühauf" übers neue Berliner Rössl:
 
Man hätte Verdi spielen können mit dieser Besetzung: Ein voller Orchestergraben, dazu Zithertrio und Banjo auf Rang und Logen ausgelagert. Was die Berliner Komische Oper am Sonntagabend an Musikern aufbot, um das "Weiße Rößl" in der Urfassung zu spielen, konnte sich hören und sehen lassen.
 
Ein Riesenspektakel muss die Uraufführung von Ralph Benatzkis "Singspiel"gewesen sein, an ihr wirkten laut Zeitzeugen 250 Musiker mit. Im Berliner Großen Schauspiel war 1930 die Premiere, in einem Auditorium für 5000 Zuschauer. Als große Unterhaltungsrevue mit alpenländischem Flair startete die Erfolgsoperette, denn mit der Handlung befand man sich im idyllischen St. Wolfgang. Berliner mimten auf einmal Österreicher.
 
Zu hinreißenden Songs und Tanzeinlagen wurden die lieben Zeitgenossen aufs Korn genommen. Die Dialoge waren mit Anspielungen auf Glanz und Elend der damaligen Tourismusbranche gespickt. Eine turbulente Rezeptionsgeschichte folgte: Das Rößl wurde ein Welterfolg und schaffte als "The White Horse Inn" (1936) sogar 223 Broadway-Aufführungen. Die Nazis verboten das Stück als entartet. Es hatte jüdische Mitautoren, persiflierenden Umgang mit Folklore und "skandalöse" Badeszenen. In den fünfziger Jahren wurde es schließlich zur verstaubten Heimatschmonzette.
 
In den letzten Jahren wuchs das Interesse, die Urfassung des "Rößl" zu rekonstruieren, was mit Hilfe einer 2009 in Zagreb entdeckten Partitur gelang. Und so ist auch die Berliner Neuproduktion der Komischen Oper Teil der Rößl-Renaissance.
 
Ein Fünf-Sterne-Klangbett
 
Unter der Leitung von Koen Schoots schwelgte das Orchester der Komischen Oper vollendet balanciert zwischen üppigem Streicherklang und groovigem Big Band Blech. Im Ur-Rößl wird jedes Lied mit einer individuellen Klangfarbe geadelt, wobei die Palette der Instrumentation von Romantik mit Zuckerguss bis zum Kuhglockengeschepper reicht. Elegante Tanzrythmen kontrastieren mit kammermusikalischen Zither- und Violinsoli. Höhepunkt des musikalischen Aufgebots: Das BVG-Orchester begrüßt den Kaiser mit Radetzky-Marsch. Die Chöre (einstudiert von André Kellinghaus) fügten sich nahtlos und schmissig ein.
 
Mager umgesetzt
 
Viel hätte passieren können auf diesem Fünf-Sterne-Klangbett, es hätte ein theatraler Schlager-Vollrausch werden können. Aber das Bühnengeschehen kam da leider nicht mit.
 
Die Stimmen klangen enttäuschend dünn. Manche Sänger sangen mit Mikrophonverstärkung, andere nicht. Vielleicht lag es an der akustischen Aussteuerung, dass die Meinungen über die Gesangsqualität im Publikum geteilt blieben. Die Tanzeinlagen, die dem Stück den Rhythmus geben, den Drive der Musik auf der Bühne visualisieren, wurden größtenteils verschenkt, weil nicht inszeniert. Und für die Raffinessen der Partitur fand die Regie keine Antwort.
 
Nur Postbotin Kathi (alias Mirka Wagner) gelang es zweimal, die angespannt künstliche Atmosphäre über den Haufen zu schmettern. Vor ihrem Jodelsolo verblasste der Rest der Mannschaft.
 
's ist einmal im Leben so
 
Drei Liebesgeschichten bahnen sich "Im Weißen Rößl" an. Am herzergreifendsten ist natürlich, wie Oberkellner Leopold mit Eifersucht und Hingabe um die von ihm angehimmelte Wirtin Josepha kämpft. Doch zwischen dem kultigen Paar, das andauernd streitet, wollte sich so gar kein Knistern einstellen.
 
Und nicht nur Frau Vogelhuber hatte ein Problem, sich für den richtigen Mann zu entscheiden, die ganze Inszenierung wusste offenbar nicht so recht, wohin: Ziemlich surreal ging es zu und man darf vermuten, dass der Regieansatz beabsichtigte, die Brüche innerhalb der Handlung noch hervorzuheben. Denn Baumgarten antwortete auf den Mix der Dialekte und Musikstile mit greller Überzeichnung
 
Postkarte oder Stummfilm?
 
Das Hotel war dunkelbraun und glich einem überdimensionalen Lebkuchenhaus mit aufklappbaren Wänden (Bühnenbild: Janina Audick). Da gab es seitlich eine Videoprojektion (Stefan Bischoff), die sich mal als animiertes Familienalbum, mal als Filmleinwand gab. Da saß ein zusätzlicher Mann am Klavier auf der Bühne, der das Geschehen ständig mit Tönen untermalte und sich in raren Momenten als begnadeter Jazzer entpuppen durfte (Daniel Regenberg).
 
Diese Zerstückelung der Aufmerksamkeit in eine Bild- bzw. Toncollage nahm dem Drei-Stunden-Stück die Atmosphäre. Wenn St. Wolfgang schon im Original als touristische Scheinidylle zelebriert wird, hätte man das an diesen Punkt weiter ausbauen können. Stattdessen wirkte das Setting trashig, Zeit und Ort nicht mehr greifbar.
 
Baumgarten setzte auf kurzatmigen Slapstick. Beinahe alle Figuren waren parodistisch angelegt und es fehlte der Spannungsbogen und die Muße, die man als Zuschauer braucht, um die Personen richtig ins Herz zu schließen. Mitfiebern ging nicht beim hysterisch überdrehten Tempo der Dialoge, die weder konsequent österreichisch noch berlinisch interpretiert wurden. Und so plätscherte das Bühnengeschehen über weite Strecken leider absehbar dahin.
 
Der allerschönste Traum bleibt nur Schaum...
 
Das Drama um den Auftritt des Kaisers hätte ein Höhepunkt werden können, entbehrte aber jeglicher Fallhöhe. Irm Hermann gab Franz Joseph I. routiniert volksnah und schaffte als ältere Dame per se einen Ruhepol. Das Lied "'s ist a mal im Leben so" sprach sie mehr mechanisch als sentimental, was vermutlich der Regie geschuldet war. Ein weiterer Glanzpunkt wurde so von der Bühne verschenkt. Der musikalische Schlagobers aber war da gewesen.
 
Tenoraler Schmelz und Samtstimmchen
 
Bei den Herren ballte sich der gesamte tenorale Schmelz bei Dr. Siedler (mit markigem Lächeln Christoph Späth) und dem schönen Sigismund (Peter Renz), der seinem Namen Sülzheimer alle Ehre machte. Seine Partnerin Julia Giebel bürstete das Image des lispelndes Klärchens gegen den Strich als blonde Amazone, die ihn stark überragte. Eine geglückte Ironisierung.
Max Hopp als Leopold hatte seine besten Momente mit "Es muss was Wunderbares sein" und "Zuschaun kann i net". Er lief vor allem durch seine schauspielerischen Qualitäten zum Publikumsliebling und leidenschaftlichen Mittelpunkt des Abends auf, teilweise unter waghalsigem Körpereinsatz. Als sein Kellnerkollege Piccolo stand ihm Miguel Abrantes Ostrowski in Sachen Abgedrehtheit in nichts nach. Die Gags, die sie ständig verschossen, blieben jedoch beliebig.
 
Dagmar Manzel als blondbezopfte Rößlwirtin Josepha Vogelhuber sah fantastisch aus mit bauschendem Taftdirndl und Tüllunterröcken (Kostüme: Nina Kroschinske ). Im Umgang mit Leopold beherrschte sie sämtliche Nuancen von Anraunzen, unschuldig Flöten und Keifen, aber weiblichen Charme konnte sie dabei nicht entfalten.
 
Den strahlte schon eher Kathrin Angerer aus als Ottilie Giesecke, die mit Samtstimmchen sang und bei den Tanzeinlagen mit Dr. Siedler eine sehr aparte Figur machte. Ihr Bühnenvater Fabrikant Wilhelm Giesecke wurde von Dieter Montag mit ruppiger Berliner Schnauze verkörpert. Der weitaus zivilisiertere Prof. Dr. Hinzelmann hatte seinen kurzen und sympathischen Auftritt in Thorsten Merten.
 
Trotzdem: Freundlicher Applaus
 
Da die Regie völlig auf Persiflage angelegt war und andererseits kein wirkliches künstlerisches Wagnis bot, fehlte Baumgartens Rößl der Biss. Die Gratwanderung zwischen Romantik und Parodie, die das Rückgrat des Stückes ist, entfiel somit ersatzlos. Es gab weder was für´s Gemüt noch zeitkritische Gags, die richtig gesessen hätten.
Das Publikum bedachte die Premiere jedoch mit starkem Applaus. Die wenigen Buhrufe für das Regieteam gingen im Beifall unter.

www.epochtimes.de/articles/2010/11/30/647596.html

 
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