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Ralph Benatzky
20 September 2007
Author: Christiane Niklew
Source: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit
 

geb. am 5. Juni 1884 in Mährisch-Budwitz, gest. am 16. Okt. 1957 in Zürich, Komponist, Librettist, Texter, Dirigent, Pianist.


Der junge Ralph Benatzky, von deutsch-böhmischer Herkunft, entschied sich, trotz auffallender musischer Begabung, früh für eine Offizierslaufbahn in der Kaiserlich-königlichen Armee, aus der er nach langer Krankheit 1909 als Leutnant entlassen wurde. Nach seinem Studium der Germanistik und Musik in Prag und Wien promovierte er 1910 und wandte sich seinen künstlerischen Neigungen – Klavierspielen, Komponieren, Schreiben – zu. Er schuf für Kleinkunstbühnen in München Einakter und Chansons, die als Sammlung unter dem Titel "Die elfte Muse" auch im Druck erschienen. In der Wiener Diseuse Josma Selim, die 1914 seine Frau wurde, fand er eine kongeniale Interpretin, die er selbst am Klavier begleitete. Das Künstlerpaar trat bis 1923 im Wiener Kabarett "Simplicissimus" auf und gab bis zum frühen Tod Josma Selims 1929 Gastspiele an verschiedenen Orten. Sein anspruchsvolles Repertoire fand in Chansonbüchern und auf Schellackplatten Verbreitung. 1926 nahm Benatzky, der auch schon mit eigenen Operetten Erfahrungen gesammelt hatte, ein Angebot von Erik Charell an, die Musik für die Jahresrevuen des Großen Schauspielhauses in Berlin zu komponieren. Ihre Zusammenarbeit gipfelte 1930 in der Operettenrevue "Im Weißen Rößl", die auch ein kommerzieller Erfolg wurde. Die Berliner Uraufführung war als spritzige Revue inszeniert, für die der als Autor nicht genannte Eduard Künneke die Orchestrierung besorgte und Chorpartien komponierte, wie es Funde im Nachlass Künnekes in der Akademie der Künste, Berlin, belegen.

Bereits 1932 ließ sich Ralph Benatzky mit seiner Frau Mela in der Schweiz nieder und verlegte seinen künstlerischen Lebensmittelpunkt nach Wien, wo auch seine neuen musikalischen Lustspiele uraufgeführt wurden. Daneben komponierte er Filmmusiken, darunter 1937 für den Ufa-Tonfilm "Zu neuen Ufern", der zum ersten Filmerfolg für Zarah Leander wurde. Ein weiteres Filmangebot der Ufa, verbunden mit der Aufforderung, den sogenannten "Ariernachweis" für sich und seine Frau zu erbringen, ließ Benatzky, der 1933 in der nationalsozialistischen deutschen Presse fälschlicherweise als Jude bezeichnet worden war und seine jüdische Frau schützen wollte, in der Schwebe und nahm 1938 das lukrative Angebot eines Jahresvertrages der amerikanischen Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer an. Als sein Hollywood-Engagement in Deutschland bekannt wurde, kam es vermutlich zu einem Aufführungsverbot seiner Werke in Deutschland – das "Weiße Rößl" war wegen seiner jüdischen Mitautoren bereits seit 1933 verboten –, denn im Juli (5., 12., 15. und 29.) rühmte sich Goebbels in seinem Tagebuch, Benatzkys Rehabilitierung durchgesetzt zu haben.

Zum Konkurrenzgebaren der US-Filmkonzerne gehörte die Anwerbung erfolgreicher europäischer Komponisten, um sie dann in Hollywood ohne Aufträge zu lassen. Auch Benatzky blieb ein halbes Jahr ohne Arbeit, dann gelang eine vorzeitige Vertragsauflösung. Im November 1938 kehrten die Benatzkys in die Schweiz zurück, wo ihr Einbürgerungsverfahren erst für 1940 zugesichert wurde – durch die Besetzung der Tschechoslowakei war Benatzky de facto Reichsdeutscher geworden. Als die Hinhaltepolitik der Behörden selbst nach Kriegsbeginn weiter anhielt, entschloss sich Benatzky zur Emigration und erreichte im Mai 1940 mit Ehefrau und Schwiegermutter in Genua das letzte nach New York auslaufende Schiff. Trotz intensiver Bemühungen fand Benatzky im amerikanischen Showbusiness keinen Platz. 1946 kehrte er in die Schweiz zurück, doch es gelang ihm nicht, an seine Vorkriegserfolge anzuknüpfen. In der bis heute gültigen Neufassung (1954 von Erik Charell in Auftrag gegeben) wurde das "Weiße Rößl" als walzerselige Operette zu einem der meistgespielten Bühnenwerke.

Benatzkys Nachlass – einen großen Teil seiner autographen Partituren hatte der zu Depressionen neigende Autor bereits vor seinem Tod am 16. Okt. 1957 in Zürich vernichtet – wird im Archiv der Akademie der Künste aufbewahrt. Er enthält u. a. sämtliche Tagebücher, Chansonbücher und die Notenautographe zahlreicher Chansons.

cmslib.rrz.uni-hamburg.de:6292/receive/lexm_lexmperson_00001181

 
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